Jan Ehlert rezensiert Andreas Kecks zweiten Roman RUHM! im NDR-Feuilleton.
Doppeltitel: Keck und Kehlmann publizieren zeitgleich einen Roman mit identischem Titel. Verwirrung: Wer ist Keck? – Interview in der Süddeutschen Zeitung – im Magazin ‘Jetzt‘.
Leseprobe:
Sitzt man vor einem leeren Blatt Papier, mit einem Stift in der Hand, und wartet darauf, anfangen zu können, und nichts hindert einen daran, die Mine über das Blatt zu führen und ein schönes Jungengesicht anzudeuten, oder eine italienische Landschaft, oder das, was keinen Namen hat und keine Gestalt… hat man alle Zeit der Welt und kann trotzdem nicht beginnen, dann kann das das Schlimmste sein, was es gibt.
So saß demnach auch Franz Kappa vor einem leeren Blatt Papier und starrte darauf. Genauer: er stierte durch das Blatt hindurch und hielt einen dunkelroten, plumpen Edding in der rechten Hand. Und er begann bereits den süßlich scharfen Geruch der roten Chemikalie, die süchtig machte, wahrzunehmen und hatte aufgehört, die gläserne Stimme aus den leistungsschwachen Lautsprechern seines antiquarischen Nordmende-Fernsehers zu vernehmen, den er vor Stunden eingeschaltet hatte, und in dem ein frenetisch jubelndes Publikum einem bubenhaften Sänger, der eben seinen ersten Fernsehauftritt vor einem größeren Publikum absolviert hatte, zu schrie. Leicht war es nicht leicht auszumachen, ob es Abscheu war oder Anbetung, was im großen orchestralen Schall dieses Schreies erklang. Es war schlichtweg Lärm, wie beim Aufreißen einer Straße. Und als das tonale Poltern nachließ, war klar: es war das reine Entzücken. Dieses Publikum wollte, dass dieser junge Mann, der gegen zehn weitere Singende antrat, die Lorbeeren erntete. Das Publikum wollte genau ihn und keinen anderen. Es selbst wurde in diesem Augenblick zum Schöpfer. Dem Schöpfer eines Künstlers. Etwas, das normalerweise dem Künstler vorbehalten war – Erschaffen. Aber der Künstler erschuf die Werke, und das Publikum erschuf den Künstler. Normalerweise. Und in jenem überbordenden Beifall war exakt dieses Element zum Schwingen gebracht. Jener zittrige und wahnsinnige und höchst zerbrechliche Moment des Erschaffens.
Es entschied. Und ohne dass Franz Kappa sich dessen bewusst war, war klar, dass er nichts mehr bewunderte und gleichzeitig fürchtete als diese Autorität. Es war dies die Herrschaft des Zuschauers, konnte aber auch die Macht des Zuhörers sein, oder des Lesers. Eines einfachen Mannes oder einer einfachen Frau, die letztlich aber doch über alles bestimmten. Darüber, ob ein Lied weiter im Radio lief, ob über einen Film in zwei Jahren auch noch gesprochen würde, oder ob das Portrait eines Irrenarztes, das sein schizophrener Patient vor über hundert Jahren gemalt hatte, bei Sotheby´s achtzig oder nur dreißig Millionen einbrachte.
Und in diesem Moment schreckte Franz Kappa aus seiner konzentrativen Lähmung auf und sah zum Schwarz-Weiß-Bildschirm hin. Ein verstörter junger Mann verließ tapprigen Schritts die provisorische Bühne und stellte sich vor den gierigen Augen einer vierköpfigen Jury auf, schaute bescheuert, angstvoll, und wartete auf das Hoch- oder Niedergehen der cäsarischen Daumen.
Vielleicht solltest du noch ein bisschen an deinem Äußeren arbeiten!, kritisiert das erste Jurymitglied, und sogleich wirft die Masse ein Gebrüll wie einen Speer gegen den Juroren, der seine Mundwinkel reumütig nach unten zieht und nachsetzt: Aber dein Gesang war echt klasse, und deine Performance… Ich würde sagen – er hält inne – das Publikum mobilisiert sich für den atomaren Gegenschlag, da es den Kandidaten bereits liebt… Deine Performance, sie war wirklich zum Niederknien! Ich hatte das Gefühl, Michael Jackson sei aus dem Kinderzimmer auf die Bühne zurückgekehrt. Der Juror lehnte sich süffisant, genüsslich in seinen Sessel zurück und klatschte in langsamen, kontemplativen Intervallen in die Hände. Franz Kappa schluckte, und das Publikum schrie auf diesen Kommentar hin so ekstatisch auf, dass Franz Kappa Angst bekam und wegschaltete, auf Orangensaftwerbung. Ein selbstbewusstes, weizenblondes Kind nahm einen großen Schluck von gelb, setzte das Glas wieder ab und lächelte seine Mutter an. Franz Kappa schaltete den Fernseher aus, das Bild faltete sich, nach Sitte alter Fernsehgeräte, in der Mitte zu einem schmalen weißen Strich zusammen, und er legte seinen Zeichenstift aus der Hand und ging zum Fenster. Die Masse, dachte er, die Masse ist zurück. Sie tut noch ganz harmlos, aber sie beginnt, ihr Potential wiederzuentdecken und ihre Möglichkeiten zu erkunden.
Franz Kappa machte sich häufig diese Art von Gedanken. Schließlich war er Kunststudent und musste sehr sorgfältig beobachten, was sich abspielte, direkt vor seinen Augen: die Welt. Um auf sie reagieren, um zurückschlagen zu können, mit den Waffen der Welt. Er musste erst ihre Waffen kennen lernen, sie richtig bedienen lernen, um dann im richtigen Moment auf den Auslöser drücken zu können.
Seinen Mantel etwa zog er sich immer nach dem Vorbild des Jenaenser Student an, einem Ölgemälde Ferdinand Hodlers, auf dem ein junger, hoch gewachsener Mann seinen dünnen Körper weit nach hinten reckt, um mit seiner Hand verkrampft nach der Öffnung des linken Mantelärmels zu suchen, während sein Blick gedankenverloren ins Leere ging.
Zwar hatte Franz Kappa für jenen jungendlichen Kandidaten der Talentshow nicht gerade Sympathien gehegt, jedoch die Tatsache, dass er nach Ablauf dieser Sendung nach den üblichen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit alle anderen Kandidaten geschlagen haben würde, stimmte ihn in der Tat neidisch. Franz Kappa war zum Fenster gegangen, starrte mit leeren Augen hinaus, ließ den Fensterhebel auf- und abklacken, und war sich plötzlich im Klaren, dass er es wahrscheinlich niemals schaffen würde, ein Millionenpublikum zu bewegen, vielleicht nicht mal Tausend, oder Hundert. Aber genau das wollte er. Eigentlich wollte er nichts anderes.
Planet earth is blue and there´s noting I can do, hallte David Bowies Stimme im Nebenzimmer aus dem Transistorradio, und Franz Kappa dachte sich in diesem Moment: Wie nur kann ich die Menschen merken machen, dass eine Blume keine Blume ist, eine grüne Vase keine grüne Vase, Licht nicht Licht, und der Mensch kein Mensch!
Franz Kappa bewohnte mit zwei anderen eine seel- und lichtlose WG, deren drei Fenster direkt auf eine der meist befahrenen Kreuzungen von München herabsahen. Er wohnte erst seit einem halben Jahr dort. Hatte die Wohnungsanzeige zufällig auf dem Schwarzen Brett der Tiermedizinischen Fakultät entdeckt, sich beworben, sich dort vorgestellt, und wurde auch gleich genommen. Fünfzig Andere hatten sich auf die Wohnung beworben. Sie war günstig und lag relativ zentral. Ausgewählt wurde er.
There´s a starman waiting in the sky. He´d like to come and meet us, but he thinks he´d blow our minds, sang Bowie verzweifelt.
In die Aula der Tiermedizinischen Fakultät ging er des Öfteren, um den großen, alten Leguan zu besuchen, der dort in der Ecke der Eingangshalle in einem Terrarium lebte. Und immer setzte sich auf den kühlen und unbequemen Metallstuhl und verlor sich selbst und seine Zeit vor dem Glaskasten, dessen Scheiben sehr dick waren und einen dezent bläulichen Ton hatten, der die Sicht auf das Innere noch klarer machte, so kam es ihm zumindest vor. Franz Kappa sah gebannt und wach auf den langen, grünlichen, dicht geschuppten Körper des alten Leguans, um einige Zeit darauf ganz vergessen zu haben, wo er hinsah und nicht mehr zu wissen, warum er eigentlich hergekommen war. Aber immer, wenn er dann die kühle und nach Marmor schmeckende Aula der Tiermediziner verließ, fühlte er sich eindeutig besser. Es war der Leguan. Dessen war er sich ganz sicher. Die Regungslosigkeit und das Desinteresse des Tieres, dessen Art schon seit Jahrmillionen die Oberfläche dieses Planeten bevölkerte und einfach nicht auszurotten gewesen war, durch Fressfeinde, Menschen oder ähnliches. Das einfach da saß und an nichts wirklich interessiert gewesen war, jemals.
ANDREAS KECK: “Schneeblind – Ein Patientenroman” –
Ein wunderbar leiser Roman über das Verrücktsein, die Psychiatrie und die eigene Realität. Buch, Englisch Broschur 202 S., 19×13,5cm,
ISBN 978-3-940767-04-2,
Edition Periplaneta
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Als eBook für den Amazon Kindle:
Dateigröße: 1460 KB
Verlag: periplaneta – Edition Periplaneta; Auflage: 1.0 (19. Oktober 2011)
ASIN: B005XQDCME



