ASPHALTWIESN

Eine junge Filmemacherin kann einen Künstler, der so gut zu ihr passen würde, nicht lieben, da sie ihr Geschick ausschließlich von den Sternen lenken lässt. Auf einer Matratze liegt eine Frau und ein Mann kommt sie jeden Abend besuchen – doch etwas mutet verstörend an. Ein Patient versucht seinen Analytiker in den Wahnsinn zu treiben. Und jeden Sonntag mischt sich ein einsamer alter Mann stundenlang unter die Wartenden in der Ankunftshalle des Münchner Flughafens.

Die in München angesiedelten Storys zeigen einen Querschnitt durch die unterschiedlichen Schichten der bayerischen Metropole. Keck versammelt in seinem Kurzgeschichtenband Bilder und Szenen einer kraftstrotzenden Stadt, in deren Fassaden er mit dem Hammer Löcher meißelt.

LESEPROBE:

Funky Town

Ich habe das Gefühl, dass ich mich verbrennen werde. An ihr. Learning by doing? Was ist klüger: Dass dich einer warnt und sagt, lass das sein besser oder wenn du dir die Finger selber verbrennst und dann weißt, dass es zu heiß war und du nie mehr hinfassen darfst. Aber was heißt ‚darfst’. Sie sagt, sie ist morgen wieder hier. Wir schreien in der Disco. Wie bitte?? Ich bin morgen wieder hier. Ich weiß, dass sie verrückt ist. Im Sommer ist sie mir auf der Straße begegnet. Sie machte ihr Herrenrad an einer Parkuhr fest, nahm ein riesiges Schloss, schwarze Kettenglieder in dickem, dunklem Plastik. Ich erinner’ mich an sie. Sie erinnert sich nicht an mich. Weiß noch genau, wie sie ihr Rad vor die Parkuhr kettet und ich draußen allein an einem Cafétisch sitz’ und ihr zusehe: das klobige Schloss, ihre dunklen, engen Klamotten, und ihre Gestalt: lang, dünn und extrem elegant. Kommt direkt auf mich zu, ganz nah, zischt in mein Ohr: Alles Hosenscheißer! Geht weg und ich saß da. Erinner’ mich, dass ich dachte, dass sie schrecklich elegant ist. Nur das. Die Hosenscheißer blendete ich aus. Ich denke erst jetzt wieder an die Hosenscheißer-Aussage, wo sie mir in der Disco gegenübersitzt und wir so nah zusammengerückt sind, dass ich beim Sprechen ihren Atem riechen kann. Erkenne Frauen nicht an ihrem Körpergeruch, sondern dem Geruch ihres Atems. Es sind immer die Verrückten, die mich anziehen. Nicht, dass ich es rieche. Dass Verrückte anders riechen. Weiß nicht, woran’s liegt. Kann da nichts machen. Seh’s ihnen nicht an. Anfangs. Dann stellt sich’s raus. Dann leide ich. Verrückte. Ich selbst bin normal. Gehe um zehn ins Bett, trinke ein Bier abends, ernähre mich überwiegend gesund und hab Nerven wie ein Fahrschullehrer. Ich abonnier’ ein Fußballmagazin, hatte drei Beziehungen, trage gebügelte Hemden und kau’ nicht auf den Fingernägeln. Ansonsten hab’ ich ein verflachtes Fußbett, weswegen ich nur eine Halbzeit Fußball spielen kann, ein Freddy-Mercury-Autogramm, das über meinem Bett hängt, und kurzes dichtes Haar. Gerade steht sie an der Bar und bestellt ein Helles. Ihr Drittes. Ich sitze eingesunken in der Ecke auf einer Sitzcouch und wart’ auf sie und seh’ sie mir an: langer, hochgereckter Hals, kurzes, an den Schläfen senkrecht auftoupiertes Haar und das Gesicht eines Jungen: eines Jungen mit Mädchengesicht. Sie kommt zurück. Sie sagt: Du trinkst nichts mehr? Ich sage: Nein. Sie: Na, dann prost! Ich: Das Wetter ist scheiße. Sie: Das sagst du! Ich: Ja. Sie: Du bist persönlich beleidigt. Ich: Wieso? Sie: Weil es seit fünf Tagen regnet. Ich: Weiß nicht, was du meinst. Sie: Doch, du fühlst dich persönlich angegriffen, vom Wetter.

Wie kommst du auf sowas?

Bist du Deutscher?

Ja.

Die nehmen das Wetter persönlich, in Deutschland. Sie glauben, es hat mit  ihrem Gewissen zu tun, wenn die Sonne zwei Wochen nicht rauskommt. Sie fühlen sich schlecht, weil das Wetter schlecht ist. Andere Länder tun das auch. Aber hier ist das eine untrennbar mit dem anderen verbunden. Und wenn die Sonne scheint, glauben sie, es gehe ihnen gut. Dann sind sie glücklich. Und hagelt es mal mitten im Sommer, dann gehen ihnen die Münder so weit auf. Man müsste eine Riesen-Therapiesitzung machen, um sie von ihrem Trauma zu erlösen. Eine Riesen-Therapie – stell’ dir mal vor, ganz Deutschland hat gemeinsam eine Therapiestunde, einmal die Woche.

Ich: Wie soll das gehen?

Sie: Alle können mitmachen in Fernsehsendungen, Radio, mit Chat und Skype. Sämtliche Telefonleitungen sind belegt, alle Call-Center kostenlos erreichbar.

Ich: Das greift in die Persönlichkeitsrechte ein. Was ist mit der Privatsphäre!

Sie: Sechzig Minuten, in denen du allen alles zeigst.

Ich: Was ist mit Datenschutz?

Sie: Ich habe schon alle deine Daten. Ich hab’ die Daten von euch allen.

Ich: Das ist unmöglich.

Dachte ich auch erst.

Und dann?

Dann fing ich mit dem Sammeln an.

Hä?

Meine Tricks werde ich dir bestimmt nicht verraten. Nur ein Tipp: Hör mal genau hin, wenn einer was erzählt. Da erfährst du alles. Du würdest Angst kriegen!

Ich seh’ sie an. Sie strahlt wie ein Baby. Ich muss immerzu auf ihr Gesicht starren und denken, wie schön sie ist. Die Schönste hier, in diesem Laden. In den ich normalerweise nicht geh’. Einmal im Vierteljahr vielleicht. Weil ich gleich um die Ecke wohn’. Weil ich eigentlich nie ausgeh’. Manchmal abends hier vorbeikomme und sie sehe. Durch die Glasscheibe. Die Leute. Tanzen. Stehen. Hinter dem Spalt. Der sich manchmal auftut. Im roten Samtvorhang. Der vorgezogen ist. Normalerweise. Vor die Scheibe. Ich denke: Wär’ sie nicht so schön und wenigstens normal. In Bern würde ich auch gerne wohnen, hatte sie vorher gemeint.

Ich: In Bern?

Sie: Das ist ne geile Stadt.

Aha.

Klar!

Ich weiß nicht. Ich kenn’ sie nicht, die Stadt, Bern.

Ich auch nicht.

Ich wage nicht zu fragen, was sie macht. Fährt wahrscheinlich die eine Hälfte des Tages auf ihrem Herrenrad durch die Straßen der Innenstadt, in schwarzen, engen Klamotten, und schreit irgendwelche Leute an, um während der zweiten Hälfte des Tages in ihrer winzigen Stadtwohnung im fünften Stock Hunderte von Flugzetteln zu entwerfen und sie dann in die Briefkästen fremder Leute zu schmeißen: HEUTE GROSSE THERAPIESITZUNG AUF DEM ODEONSPLATZ. BEGINN: 16.OO UHR. TREFFPUNKT: BEIM LINKEN STEINLÖWEN. UM GESCHLOSSENES ERSCHEINEN WIRD GEBETEN. Abrupt erhebt sie sich und zieht mich am linken Arm nach oben: Ich will tanzen! Sie steigt auf den Tisch und stößt mit ihren schwarzen Sneakers eine Reihe leerer Biergläser von der Tischkante. Einige zerspringen am Boden. Ich hab’ das Gefühl, sie hat gar nicht bemerkt, was sie getan hat. Ihr Fuß schlug so behände nach den Gläsern, als befolge sie die Anweisungen des Barbesitzers und sei seit Jahren für diese Tätigkeit zuständig. Was sie Tanzen nannte, war eher ein Hippen. Sie ging hin und wieder leicht in die Knie, bewegte ihre Arme kaum und ihre Hüften blieben starr. Ihr Gesicht wirkte, als stünde sie gerade an irgendeiner Theke und warte darauf, bedient zu werden. Und dennoch hatte ihr Wippen etwas Verspieltes. Sie wirkte frei. Ich stand unerträglich weit unter ihr. Meine Bewegung zur Musik ähnelte den Bewegungen der meisten anderen hier. Mein unverkrampftes Lächeln drückte Wohlbefinden aus. Meine Gedanken waren auf den nächsten Tag gerichtet und meine Ohren hatte ich kurz zuvor mit kleinen Fetzen, die ich unauffällig aus meinem Tempo-Taschentuch gerissen hatte, zugestopft. Ich musste nun einen Annäherungsversuch starten und stieg zu ihr auf den Tisch. Ich legte meinen Arm um sie. Ich wunderte mich, dass sie sich nicht zierte. Sie hippte weiter zaghaft in die Knie und lächelte mich an. Beim nächsten Song würde ich sie ganz umarmen und beim übernächsten küssen. Was meinte sie mit Angst? Ich hör’ immer genau hin, wenn andere erzählen. Angst hab’ ich dabei nicht. Sie glaubt wohl, sie sei die Harte und ich bin der Zarte. Ich hab’ keine Angst. Sie kann doch nicht alle Daten haben. Sie spinnt. Sie spinnt total.

Ich fragte mich, weshalb sie tagsüber auf der Straße fremde Leute anpöbelte und nachts im Club zahm und menschenfreundlich war. Konnte sie sich an ihre dunkle Seite erinnern? War ich der einzige, der sie ganz kannte. Warum sahen die Männer sie alle so an hier! Weil sie es nicht wussten. Weil sie keine Ahnung hatten. Werde ich ihr irgendwann von ihrer anderen Seite erzählen? Davon, dass sie mich ansprach, letzten Sommer. Andere anraunte, mitten auf der Straße. Ein vollkommen anderes Gesicht hatte, wenn sie auf ihrem Rad in schwarz an einem vorbeihuschte. Wenn ich ihr’s sagte, wär’ alles kaputt. Sie würde erschrecken. Ich würde erschrecken. Es wär’ zerstört. Da legt sie ihren Arm um mich. Ich bin so perplex, dass ich zu schunkeln beginne. Zum Rhythmus der Beats. Bierzeltmäßig. Doch sie lässt sich nicht synchronisieren. Was bin ich für sie? Ein normaler Idiot? Ein Ozean an Gewöhnlichkeit? Ich brauche etwas Besonderes. Ich sag ihr was Verrücktes. Ich spüre ihren weichen Arm. Ich sage: Zweitausendzwölf geht die Welt unter! Sie reagiert nicht. Ich sage: Gott würfelt. Sie reagiert nicht. Ich sage: Putin ist mein persönlicher Held. Sie sagt: Stalin war Romantiker. Das war sein Problem. Er war ein Poet. Mir zieht eine Eisbrise den Rücken hinunter und ich sehe, wie sie verstärkend mit dem Kopf nickt. Auf und ab und auf und ab. Langsam und mit mildem Lächeln. Ich will sie küssen. Ich stell’ mich ganz nah vor sie hin. Sie nickt noch immer – jetzt zum Takt. Ich umfasse ihren Kopf mit beiden Händen. Sie nickt weiter. Ihre Augen sind groß, ihre Nase klein, ihre Haut weiß. Ich betaste ihr Haar. Ich glaube, sie spürt meine Finger nicht. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist. Nein. Sie spürt mich nicht. Woher ich das weiß? Von ihren Augen. Von ihrem Körper. Ganz tief drinnen in ihr steckt das richtige Bild. Von mir. Jetzt weiß sie noch nichts. Jetzt sieht sie nur einen Kerl im Hemd. Einer wie die andern. Die hier trinken, die Blicke wandern lassen, reden, bestellen. Rauchen, tanzen, aufs Klo gehen. Ich weiß aber, dass sie mich kennt. Etwas muss passieren, dass sie versteht. Etwas wird passieren. Ich weiß es. Woher? Kann ich nicht sagen. Ich könnte sie überall berühren, jetzt. Sie würde nichts spüren. Also warte ich. Ich will warten, bis sie etwas spürt. – Mich. Sie sieht mich unvermittelt an. Ich schau ihr in die Augen, auf ihr Haar, auf den Boden. Sie kommt mit ihren Lippen an mein Ohr und fragt: Willst du nicht was trinken? Ich hol dir was! Geld hab’ ich genug. Ich kapituliere. Ja… Einen Gin Tonic. Wie viel Geld hat sie? Ich nehme mal an, sie hat geerbt. Vom Arbeiten kann’s nicht kommen. Sie arbeitet nicht. Sie hat eine nicht unbeträchtliche Summe von Ihrem Großvater erhalten, der kurz nach dem Krieg ein Verfahren patentieren ließ, mit dessen Hilfe sich Daten leichter sammeln ließen. Er erfand die Leitz-Ordner. Egon Leitz. Oder Oskar. Oskar Leitz. Oder besser: Sie erpresst seit Jahren einen großen deutschen Fahrradhersteller mit der Drohung, sämtliche Fahrräder seiner Marke, die in Straßen oder Höfen herumstünden, nachts mit Schlössern abzusperren und die Schlüssel wegzuwerfen. Sie hatte bereits eine Unmenge billiger Fahrradschlösser in ihrem Keller gehortet. Damit die glauben, dass sie ihre Drohung auch wahr macht, hat sie eine Woche lang im Münchner Stadtteil Giesing sämtliche Fahrräder dieses Herstellers mit Kettenschlössern verriegelt. Wo sie gerade standen. An Laternen, Baumstämmen, Straßenschildern.

Wenn sie mit dem Gin zurückkommt, werd’ ich sie fragen, was sie studiert. Studieren klingt unverfänglich. Sie studiert garantiert nicht. Ein Typ an der Bar spricht mit ihr. Er ist groß, gut gebaut, jung. Er lässt nicht locker. Ich kämpf’ mich Richtung Theke. Einige wollen nicht weichen. Ich setzt’ meine Arme ein, stoße weg, trete. Drei böse Blicke, die durchaus angemessen sind. Das Schreien eines Mädchens. Macht nichts! Sie steht steif vor der Theke, greift zu ihrem Bier, stößt mit ihm an. Der Typ platziert seine Hand zielsicher auf ihrer linken Schulter und lässt nicht von seinem unfehlbaren Grinsen ab, selbst als ich vor ihm stehe und ihm tief in die Augen seh’. Den mach’ ich fertig, in drei Minuten. Pass auf!

Ich: Wieso lachst du?

Er: Ich lache nicht dich an!

Ich: Wie heißt du?

Er: Anders als du?

Woher willst du das wissen?

Von dir will ich gar nichts wissen!

Ich hau’ ihm kameradschaftlich auf die Schulter, sag’: Ich auch nichts von dir.

Er: Warum quatschst du mich dann an?

Ich: Weil du so nett lächelst, die ganze Zeit.

Er: Bist du schwul?

Ich: Ich weiß nicht genau.

Sie steht neben uns, hört gar nicht hin. Nippt an ihrem Bier. Lächelt ihn an als sei er Gott. Ich stell mich zwischen die Zwei und verdeck ihm die Sicht. Sein Kopf drückt sich neben meinem durch, und er fragt sie unverhohlen: Was machst du so? Sie rückt zu ihm und meint: Ich mach nichts. Er: Wie nichts? Du machst überhaupt nichts? Ich dreh mich zu ihm und schrei: Sie macht nichts, überhaupt gar nichts. Verstehst du das nicht, du Idiot? Er übergeht mich und sagt zu ihr: Jeder, wie er will. Jeder kann auf seine Art glücklich werden. Er lächelt sie an wie ein Gönner. Ich reiß’ ihr meinen Gin Tonic aus der Hand und brüll ihn an: Niemand wird glücklich, du Arsch! Er sieht mich an und sagt: Hey, hey, hey! Ich: Ho, ho, ho. Er wendet sich wieder ihr zu und sagt: Kennst du den? Sie: Ja. Er: Hat der ein Problem? Sie: Nein, der will seinen Gin. Ich sehe auf seine flache Nase, deren Löcher leicht nach oben zeigen. Eine einzelne Rasta-Strähne hängt ihm über die niedrige Stirn ins Gesicht. In den tiefen Augenhöhlen sitzen kleine, ängstliche Augen, die selbstbewusst blitzen. Er setzt zu seinem unzerstörbaren Lächeln an und rückt ganz nah an ihr Ohr. Er wird ihr jetzt etwas Unwiderstehliches sagen. Ich stell’ meinen Gin auf den Tresen. Balle meine Faust, schlag’ ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Er liegt am Boden. Er geht so tadellos nach unten, dass es außer ihr keiner merkt. Sie lächelt mich an. Reicht mir mein Glas. Sie sagt: Endlich hast du deinen Gin. Kurz darauf bücken sich ein paar nach ihm. Ich erkläre: Der ist rotzbesoffen und nehme den ersten Schluck von meinem Gin. Sie blickt mich unentwegt an. Sie wird ganz still. Ich schau’ sie ernst an. Sie lächelt, nickt mir kurz zu und hippt einmal leicht in die Knie.

 

Asphaltwiesn ANDREAS KECK: „Asphaltwiesn“
Münchner Großstadtgeschichten,
Buch, Softcover 126 S., 19×13,5cm,
ISBN: 978-3-940767-39-4
Edition Periplaneta, GLP: 12,00 €,

>Versandkostenfrei bei Periplaneta

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