1×1 Berlin Chique

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Neu in Berlin? Du willst sofort dazugehören? Hier das Einmaleins für den Möchtegern-Bohemian. Kurz und schmerzvoll:

1. Spreche laut und schnell!

2. Lache viel! Berlin macht Spaß.

3. Wisse die Namen und Länder der wichtigsten Diktatoren der letzten 40 Jahre!

4. Punkte mit den wenig geläufigen Bezeichnungen der Bewohner bestimmter Länder, z.B. die Lao (Laos), die Malaien (Malaysia), die Kongolesen (Kongo), die Nigrer (Nigeria) oder die Panamaer (Panama)!

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Abgehört

Café Wohnzimmer, Lettestraße 6

Des muss doch extrem anstrengend sein, am Helmholtzsplatz oder Arkona-Platz, so als cooler Typ mit nem kleinen Kind aufm Arm herumzuspazieren, leicht ungepflegt zu wirken und richtig gut auszusehen.

Und so zu tun als könnte man theoretisch auch beruflich erfolgreich sein.

Ja. Verdammt anstrengend. Weil entspannt musste dabei auch noch schauen.

Berlin?

Telefongespräche

Nein… das ist doch egal… ich meine… jetzt sag doch mal endlich… wie ist es in Berlin. Wie ist die Stadt? Wie ist das Leben hier?

Du kannst mich fragen, wie man in Kreuzberg lebt. Dann sage ich dir wie man in Kreuzberg lebt. Du kannst mich fragen wie man in Friedrichshain lebt. Dann sage ich dir wie man in Friedrichshain lebt. Du willst wissen, wie es in Mitte ist? Dann…

Bist du genervt von mir?

Nö, aber ich hab keine Ahnung wie es in Berlin ist. Seit drei Monaten wohne ich in Friedrichshain und vorher knackte ich in ner WG im Wedding… Du bist seit fünf Tagen hier. Sag mir du wie es ist!

Pff. Die Jungs sind hübsch hier. Hübscher als die Mädels. Niemand scheint älter als dreißig zu werden. Ich frag mich nur, was die ganzen coolen Leute machen, wenn sie alt sind!

langsame zigarette

die weiche stelle in der senke
zwischen zeigefinger und
daumen die man aufspannen
kann wie eine schwimmhaut
die roch noch nach dir noch
am abend obwohl wir uns
schon mittags getroffen
haben in unsrer mittags
pause in meinem wagen
und wir die sitze hinter
rückten und die lehnen
und nur sprachen eine
zigarette rauchten wir
an einer rauchten wir
zusammen ich gab sie
dir du gabst sie mir
ich zog und gab
sie wieder dir

Kurzes aus Kreuzberg

Die junge schöne Türkin im Café Kotti. Ihre türkische Familie und ältere Bekannte um einen Tisch. Sie dazwischen. Nickt den alten Männern lächelnd zu. Schweigt. Streichelt den Mops ihrer Mutter. Sie steht auf. Sie ist oft hier. Am Tresen fragt die kurzhaarige Berliner Kellnerin, was sie heut Abend mache. Beide setzen sich auf die Eckbank neben mir. Die kurzhaarige, gepiercte Kellnerin erklärt, dass sie Soziale Arbeit studieren wird, an der Alice-Salomon, jetzt einen Studienplatz erhalten hat, sehr aufgeregt ist. Sie ist erbost über den Menschenhandel in Berlin, spricht lange darüber. Die Türkin hört ihrer Freundin zu und schaut hin und wieder zu mir her. Lächelt mich an. Die älteren Männer beobachten, wie auch ich immer wieder zu ihr hinsehe. Ich sitze vor meinem Laptop und durchforste Ebay nach einer 70er-Jahre-Stehlampe für Selbstabholer. Es ist dunkel in unserer Sitzecke. Ihre Augen sind dunkel. Ihr Haar. Etwas bewegt mich. Ich kann nicht sagen, was. Wahrscheinlich sie. Ihr Dazwischen. Ihre Verstellungskunst. Ihr Schweigen.

Wo ist Julian?

Armin: „Papa, wo ist eigentlich Julian Assange? Warum redet keiner mehr über den?“
Vater: „Sie haben ihn sich längst wieder einverleibt.“
Armin: „Was heißt einverleibt?“
Vater: „Das bedeutet, dass diejenigen, denen er gefährlich wurde, das Mittel eingesetzt haben, um ihn ungefährlich zu machen. Verstehst du, Armin?
Armin: „Ja, Papa. Aber was ist das für ein Mittel?“
Vater: „Die Moral.“
Armin: „Wieso die Moral?“
Vater: „Erst haben sie ihn einer kleineren Gesetzeswidrigkeit überführt und dann haben sie uns erklärt, wie amoralisch er sei. Gegenüber seinen Freunden, seinen Kollegen, alten Vertrauten. Und das ist die Moral. “
Armin: „Ja, und?“
Vater: „Sie ist das Mächtigste – und das Verlogenste. Sie ist das Schlimmste. Verstehst du, Armin?“
Armin: „Ja, Papa.“