Pazifik

Bei ihm klappte das nicht: Ans Meer kommen, die Gedanken schweifen lassen, sie zusammentragen, ordnen, auf einen Punkt bringen.

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Weihnachten: Abgesang

Ich war einen Tag früher als sie in Paris. Ich reiste von Kassel an, mit dem Zug. Sie wollte am nächsten Tag nachkommen, von Jena aus. Wir waren noch nicht zusammengezogen, damals, und sahen uns nur selten. Die Idee, Weihnachten in Paris zu verbringen, stammte von ihr. Paris, eine Stadt, die für sie ziemlich gewöhnlich war, da sie dort drei Jahre lang im unspektakulären Banlieue gewohnt und ihre Doktorarbeit geschrieben hatte, in Physik. Und eine Stadt, die für mich vor allem mit Holzbötchen in den Tuellerien, dem gotischen Hauptportal von Notre-Dame und teueren Cafébesuchen zusammenhing. Wo also würden wir uns finden können, in dieser Stadt? Konnte sie noch staunen, über das, worüber ich staunte? Ich war unsicher. Ich wartete. Bezog unser Zimmer. Ein kleines schmales Hotel in Saint-Germain-des-Prés, nahe der Pont Neuf, das von einer alten dicken Tunesierin geführt wurde, die einem jedes Mal beim Verlassen des Hotels aus ihrer dunklen, mit Weidenkörben behängten Rezeption herrisch zurief: Vous partez demain? Ein Hotel, das ich mir leisten konnte und das ich von meinen vielen Parisbesuchen kannte. Würde es ihr hier gefallen? Es war eng dort und es roch nach altem Teppich und die Wände der Hotelzimmer zeigten gemalte lebensgroße mittelalterliche Personen und Szenen. Morgen früh sollte sie in Paris ankommen und morgen Abend sollte Weihnachten sein – beides erschien mir äußerst fragwürdig. Wie sollten wir den Weihnachtsabend verbringen? Irgendwo vornehm Essen gehen: unerschwinglich für mich, und sie nicht der Typ, dem sowas gefiel. Also der Hotelzimmerboden! Viel Platz war da nicht, kaum zwei auf zwei Meter, vor einem Fenster, das hinunter auf eine regenbesprengte kleine Straße sah. Seit meiner Ankunft regnete es und das würde es wahrscheinlich auch über Weihnachten tun. Die Lichter der Autos, der Roller und der Straßenlaternen spiegelten sich, als ich am Vorweihnachtsabend allein das Hotel verließ, auf dem nassen Kopfsteinpflaster und in den vielen Pfützen. Zuvor hatte ich oben in unserem Zimmer das weiße, glatte Bettlaken zu einem Quadrat gefaltet und auf dem Boden vor dem Fenster ausgelegt. Als Tischdecke. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, um guten Käse, Brot und Wein für unsere Weihnachtsfeier zu besorgen. Ich wollte nochmals in die Hemingway-Gegend, zur Place Contrescarpe. Da musste es auch ordentlichen Käse geben. Ich war durcheinander. Das heute sollte Weihnachten sein? Und das Paris? In drei Stunden würde sie da sein, vor mir stehen, aufgetaucht aus irgendeinem U-Bahn-Aufgang.

Sie tauchte dann auch auf, drei Stunden später, aus jenem der sechs U-Bahn-Aufgänge von St. Michel, aus dem ich glaubte, dass sie hochkommen würde. Es regnete.

Und dann wurde alles so wie ich es mir vorgestellt hatte beziehungsweise niemals vorgestellt hatte.

Der Zoohändler

Blogstory, erster Teil

Der kleine Zooladen lag in einer langen Magistrale am Rande einer Metropole eingezwängt zwischen einem Handygeschäft und einem Erotik-Shop.

Es war ein sonniger Sommernachmittag.

Der junge Besitzer der Zoohandlung lag verkeilt unter seinen Aquarien und verlegte gerade einen neuen Wasserpumpenschlauch als eine ältere Frau zur Ladentür hereinkam, wodurch die Lichtschranke ein elektronisches Froschquaken durch den schmalen dunklen Flur zwischen den hohen Wänden aus Becken und Käfigen tönen ließ.

„Entschuldigen Sie!“, sagte die ältere Frau und räusperte sich, „Haben Sie auch Wüstenspringmäuse?“ Der Zoohändler lag angespannt unter einem Aquarium und gab keinen Laut von sich. Die Frau wiederholte ihre Frage: „Führen Sie Springmäuse? Wüstenspringmäuse.“ Sein langer athletischer Körper kringelte sich wie eine Schlange unter die Aquarien. Er stöpselte mehrere Schlauchenden zusammen, während das austretende Wasser auf dem Boden eine Lache bildete, die seinen Körperumriss mehr und mehr umschloss und sich schleichend in Richtung der Frau ausbreitete. Schon seit heute Morgen grübelte er, warum immer mehr Menschen in Städte zogen. Am Wochenende hatte er gelesen, dass seit diesem Monat die Hälfte aller Menschen in Städten lebe. Aus einem Augenwinkel sah er die Schuhe der Frau: hellbraun mit Budapester Muster. Das Wasser hatte mittlerweile ihre Schuhspitzen erreicht. Sie störte seine Gedanken. Mehr Menschen an einem Ort werden auch mehr Beziehungen haben, kam es ihm in den Sinn.
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