SCHNEEBLIND

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Schneeblind erzählt von einem jungen Menschen, der nicht in das Leben eintreten will. Matthias ist vierundzwanzig und wurde gerade in die Psychiatrie eingeliefert. Hier beginnt der Roman. Und er beginnt komisch. Denn eigentlich stand es um Matthias gar nicht so schlimm. Aber die unglaublichsten Zufälle führten dazu, dass er schließlich dorthin gelangte. Matthias erzählt all das in seinen eigenen Worten. Jedoch ist der Komik und dem Zynismus seiner Ausführungen bereits ein deutliches Maß an Tragik abzufühlen. Und so muss er als vollkommen untypischer Patient der Psychiatrie seine Nische und seine Rolle finden, mit der er die Zeit in der Klinik überbrücken kann. Im Laufe der Zeit jedoch findet er zusehends Gefallen an der Kuriosität seiner Mitpatienten, ihren schauerlichen oder wunderbaren Lebensgeschichten und ihren Marotten, die sie mit sich herumschleppen ud allerorten zur Schau tragen.

 

LESEPROBE:

Ich sehe keinen Sinn darin, zu erklären, warum ich hier bin. Am Ende sagten einfach alle, du musst hierher, anders geht’s nicht mehr weiter, mit dir – mit mir. Und jetzt bin ich eben hier. In einer psychiatrischen Klinik. Einer Anstalt. Einem Irrenhaus. Schweigen. Keiner antwortet. Soll ich weitererzählen? Ja? In Ordnung. Es ist eine Universitätsklinik. Angegliedert an eine Uni. Das heißt, hier wird Psychologie studiert. Erstes Semester, zweites Semester, drittes… in dem war ich auch, im dritten. Als es losging. Aber ich studierte nicht Psychologie, sondern Zoologie. Hier in München. Komme eigentlich vom Land, mittlere Kleinstadt. Zwei Autostunden entfernt von München. Wo ich jetzt einsitze. Aber ich bin ja freiwillig hier. Könnte jederzeit wieder gehen. Müsste das nur mit Doktor Fink absprechen, meinem Psychiater. Richtige Psychologen gibt’s hier nicht. Nur Psychiater. Aber Doktor Fink ist anders. Er ist feinsinniger. Als diese Metzger. Die sonst hier herumstolzieren. Auf den Catwalks der Normalität. Das sind Chemiker hier, keine… ach, was weiß ich. Auf jeden Fall sind sie normal und ich bin es nicht. Und ich beneide sie dafür. Oh Gott, wie ich sie beneide. Und dann natürlich erst meinen Arzt, Doktor Fink, vielleicht sieben Jahre älter als ich. Ich bin vierundzwanzig. Und ich schwöre bei Gott oder was mir heilig ist, ich weiß es nicht, das ist ja mein Problem, auf jeden Fall schwöre ich oder besser gesagt, es ist einfach eine Tatsache, dass ich dreiundzwanzig Jahre lang kein Problem hatte. Normale Probleme schon, alltägliche. Aber nichts Psychisches. Depressionen oder so was. Nichts davon. Was ist das!?

Ich hatte Heuschnupfen, o.k., aber das war alles. Und Heuschnupfen ist, glaub ich, nicht psychosomatisch, oder. Zugegeben, ich hatte einen verfluchten Heuschnupfen. Es ging jeden März los und… O Gott, was tu ich hier. Einen schlimmeren Albtraum gab es für mich nicht, als Psychiatrie. Alles meinetwegen. Ein Arm weniger. Eine seltene Erbkrankheit. Keine Eltern. Das wäre alles o.k. Aber nicht Irrsinn. Oder wie soll ich es nennen. Wahnsinn. Aber ich denke noch ganz klar. Bin auch nicht gerade dumm, oder wie soll man dazu sagen. War mal Schulbester. Zum Abitur hin hat’s dann nachgelassen. Und für Jura hat’s dann nicht gereicht, der Notendurchschnitt. Da gab’s die hübschesten Studentinnen. In Jura. Ich sah mir die Unis an, bevor ich mich entscheiden wollte. Und München gefiel mir, als Stadt. War hübsch. Und Zoologie. Na ja. Ich hab mich immer schon für Tiere interessiert. Mein Vater erzählt immer, dass ich jedes noch so kleine Kriechtier entdeckte, auf unseren Spaziergängen, mein Vater und ich, wir machten häufig Spaziergänge, oder Wanderungen, wie auch immer. Schrecklich schöne Gegend, da, wo ich herkomm. Auf jeden Fall ist mir kein Insekt entgangen, meinen Augen. Und dann hob ich es auf, zeigte es meinem Vater und wickelte es in irgendwas ein. Meistens in das Taschentuch meines Vaters. Damals benutzte er Stofftaschentücher. Und mein Vater hatte immer eins dabei. Sauber. Nur meistens ein bisschen knittrig. Und dann tat ich das Ganze vorsichtig in meine Hosentasche oder ich trug es die ganze Wanderung lang in der Hand und spürte, wie es summte oder surrte oder krabbelte. Und daheim tat ich’s dann in ein Terrarium, das ich mir flugs baute. Einrichtete. So, dass es möglichst schön aussah, wie die echte Natur eben, mit Farnen, Wurzeln, Steinen. Und meist schon nach vier, fünf Tagen war das Tier dann tot. Ich wusste nie genau, was die genau fressen. Warf immer irgendwas hinein und wartete. Und nirgends im Aquarium war es ausfindig zu machen, das Tier, meistens ein Insekt. Ich liebe Insekten. Und es war furchtbar, als es dann tot war. Na ja, wie komm ich jetzt darauf?! Ach so, ja, mein Vater, das Taschentuch, gerade musste ich mich schnäuzen, und es ist seins. Seine Initialen sind drauf. A. R. Er hätte großes Vertrauen, mein Vater, in diesen Arzt, meinte er, als wir zum Vorstellungsgespräch hier waren, in Doktor Fink. Aber es war eigentlich kein Vorstellungsgespräch, sondern eher, wie könnte man sagen, eher ein Missverständnis. Also es war so, dass mein Bruder von einem befreundeten Medizinstudenten erfahren hatte, dass in München eine Klinik sei, in der es ein Verfahren gäbe, mit dem man feststellen könne, ob es, also das, worunter ich leide, ob das endogen oder exogen sei. Exogen heißt von außen verursacht, also dass es äußere Gründe gibt, für meine Niedergeschlagenheit, wie zum Beispiel, dass meine Eltern gleichzeitig gestorben wären – was übrigens nicht der Fall war, auch nichts anderes. Es war einfach so passiert, über Nacht, aus heiterem Himmel. Oder ob meine Sache endogen war. Das bedeutet, dass es von innen kommt, von einem Organ zum Beispiel. Denn dann wäre es gar nicht so schlimm. Dann wüsste man die Ursache und könnte gezielt dagegen vorgehen. Und auf jeden Fall fuhren wir hin, nach München, mein Vater und ich, und gingen in die psychiatrische Universitätsklinik, Kirschbaumstraße, und fragten an der Rezeption nach diesem Verfahren. Der extrem massige Kerl hinter dem Glas schaute meinen Vater, der das Sprechen übernommen hatte, mit ungläubigem Blick an, und mein Vater, der ihn dann überfreundlich anlächelte und sich zehnmal entschuldigte, dass er es nicht genau wisse, dass er es eben nur gehört hätte, dass da ein Verfahren entwickelt worden sei, und er nannte es „Neues Verfahren“, ich erinnere mich noch genau, wie er sich herunterbeugte und dem Pförtner, der nichts verstand, höflich verkrampft lächelnd erklärte, „ein neues Verfahren“. Woraufhin der unsympathische Pförtner, der mir Angst machte, so von wegen Festbinden und Injizieren, vom Anblick meines verzweifelten Vaters erweicht, auf die Idee kam, dass wir erst mal im Ambulanzzimmer der Notaufnahme Platz nehmen sollten, da käme dann schon jemand, ein Arzt, der sicherlich Bescheid wüsste; und der Pförtner sah mich an, bevor er die Schließtür zur Notaufnahme frei schaltete, als wüsste er längst Bescheid, als bedürfe es keiner Untersuchung mehr, sondern wäre längst klar, dass es sich unmissverständlich um mich handelte, der untersucht werden sollte, und dass ich unmissverständlich ein Irrer war, ein psychisch Kranker, wie sie jeden Tag zu Hunderten an seinen Augen vorbei passierten.

„Sprachlich ausgefeilt nimmt uns Matthias mit in seine Gedankenwelt. Geradezu stolz präsentiert er uns seinen überaus wachen, hellen Verstand und gewinnt durch seinen feinen Humor und seine Phantasie schließlich auch den Leser für sich.“
Sozialprojekte.de

„Der flott und spannend geschriebene Erstlingsroman weckt beim Leser hohe Erwartung auf Kecks nächstes Werk.“
Frankfurt Live

Eine ausführliche Buchbesprechung von Andreas Kecks Erstlingsroman ‚Schneeblind‘ findet sich im Kulturmagazin der Süddeutschen Zeitung, ‚Leonart‘.

ANDREAS KECK: „Schneeblind – Ein Patientenroman“ –
Ein wunderbar leiser Roman über das Verrücktsein, die Psychiatrie und die eigene Realität. Buch, Englisch Broschur 202 S., 19×13,5cm, ISBN 978-3-940767-04-2, Edition Periplaneta, GLP: 12,99 € (D)

>Versandkostenfrei bei Periplaneta

>Amazon Kindle

>iTunes

 

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