UNTREU

LESEPROBE:

Ehe sie sich’s versah, war Christine zu dem geworden, was sie bisher immer bekämpft hatte, erfolgreich, wie sie meinte. Haut wird nun mal älter. Um die Augen herum vor allem. Oder die Mundpartie. Durch das viele Lächeln. War soviel Lächeln dabei gewesen, bisher, in ihrem Leben? Ja, auf jeden Fall, früher. Früher, dieses Wort konnte sie nun seit etwa neun Jahren gebrauchen. Mit zwanzig kann man es noch nicht sagen. Mit fünfundzwanzig auch nicht. Aber ab dreißig, einunddreißig geht’s los. Ja, während ihrer Schulzeit! Da war sie Kichererbse genannt worden, von ihren vielen Freundinnen, von denen jetzt vielleicht noch zwei, drei übrig waren. Die zwei, drei – wie lange hatte sie selbst die nun schon nicht mehr gesehen! Die eine lebte noch in ihrer Stadt, während die anderen beiden weggezogen waren, weg aus ihrer Kleinstadt. Ja, mit denen hatte sie wirklich sehr viel gelacht. Etwas zu viel, denkt sie, als sie kurz innehält, während sie die Tür des Schlafzimmers schließt und dann über die geschwungene Treppe hinuntergeht. Sie betritt den lichtdurchfluteten Wohn­ bereich. Ihr Blick schweift über die exklusive aber nun bereits ältere Sofagarnitur, die aus fünf verstellbaren Elementen besteht und damals schon ganz und gar nicht billig gewesen war.

Dieser Möbelverkäufer – Christine erinnert sich als sei es gestern gewesen – hatte von einem Kunstwerk gesprochen, in „Variationen von Nachtblau“. Als er dann den wohlklingenden italienischen Namen des Designers aussprach, hatte es bei Christine Klick gemacht: Markus musste das Sofa kaufen. Und in der Tat, die fünf Elemente komponierten jedes Mal ein stilsicheres Ambiente, das bisher jedem Besucher eine Bemerkung wert gewesen war. Unpassend konnte man sie gar nicht positionieren.

Christine ging weiter bis in die Küche und setzte sich kurz, nicht um zu verschnaufen, sondern weil sie noch einem Gedanken folgen musste, den sie vom Schlafzimmer mit heruntergebracht hatte und der Christine irgendwie dazu drängte, Platz zu nehmen. Im Spiegel des Schlafzimmers hatte sie vorhin einen Blick auf ihr Gesicht erhascht – ein kurzer unerwarteter Blickwechsel – und nun musste sie darüber nachdenken, ob nur ihre Augenwinkel so gealtert war oder nicht etwa viel mehr. Aber alles andere war noch dasselbe wie immer, oder? Eigentlich schon. Doch! Es hatte sich nichts geändert in den letzten paar Jahren. Ihr Mann war innerhalb der Firma Lörer aufgestiegen, einer im angrenzenden Industriegebiet ansässigen GmbH, die für die halbe Welt Bauschalungen anfertigte. Und die nun auch in ihrem neuen Sektor Fertigbauten die Marktführung in Süddeutschland zu übernehmen begann – seitdem Markus diese Sparte leitete. Ihr Mann war bereits kurze Zeit nach seinem Einstieg in das Unternehmen zur rechten Hand des Senior­Chefs avanciert. Und der letzte Schritt, die Ernennung zum Geschäftsführer für Fertigbauten, war nur noch eine Benimmfrage – von Seiten Markus’ und von Seiten seines Chefs, Alfons Lörer. Nein, großartig war nichts geschehen seitdem Laura, die jüngere ihrer beiden Töchter, den Übertritt in die nächste Klasse des Gymnasiums schließlich doch geschafft hatte. Und ihre ältere Tochter, bei der klappte sowieso immer alles auf Anhieb, wie bei ihrem Mann, im Grunde – sehr ähnlich.

Und schon war Christine wieder aufgestanden, von ihrem Küchenhocker, ohne eine Antwort auf ihre Frage gefunden zu ha­ ben. Aber sie hatte sie auch längst vergessen und verlor sich, während sie den Abwasch machte, wieder in alltäglichen Gedanken.

Das ist die Tasse von Laura

Der Dreck von der Messerklinge geht nicht ab

Vorsicht

Herr Tann braucht noch den Schlüssel vom Gartentor

Ich muss ihn nachmachen lassen

Ich kriege langsam Hunger

Ich sollte keinen dritten Kaffee mehr trinken

Der Schlüsselladen hat womöglich heute geschlossen

Ich habe meine Zähne noch gar nicht geputzt

Die Mutter von Herrn Tann ist jetzt schon im Altersheim

Ich muss noch eine zweite Ladung spülen

Wo ist eigentlich der Deckel zu dieser Kasserolle

Den habe ich ewig nicht gesehen

Vielleicht ist er weg

Aber wohin

Waren wir irgendwo eingeladen

Laura ist seltsam zurzeit

Patricia geht es gut

Sie ist so ausgeglichen

Den Abwasch erledigte Christine mit der Hand, obwohl Markus das überflüssig fand. Hier steht eine erstklassige Spülmaschine, sagte er immer. Die hätten wir uns sparen können, erwiderte sie dann. Doch so wie Christine es sagte, klang es wie ein unmerkliches Lob – wie gutes Zureden. Das warme Wasser, das jetzt ihre Hände umgab, auf dem sich gerade eine Schaumkrone bildete und immer höher wuchs, in die Christine weiteres Geschirr hineingleiten ließ, unendlich sanft und vorsichtig, und wie es dort verschwand, auf dem Grund des Spülbeckens aufkam, und dann der Moment, in dem sie den Hahn abdrehte – Stille. Diese Stille war im Grunde das Schönste, das Schönste überhaupt – im Grunde.

 

Untreu

ANDREAS KECK:
„Untreu“ Ein Beziehungsroman
Buch, Softcover 194 S., 19×13,5cm,
ISBN: 978-3-940767-79-0
Edition Periplaneta, GLP: 13,00 €,

>Versandkostenfrei bei Periplaneta

>Amazon Kindle

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